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Pressemitteilung von Thomas Vizl
zum Tagblatt-Bericht „Harter Kurs gegen die Steigerwaldbahn“ vom 23.11.2018

Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressemitteilung von Thomas Vizl, mit dessen freundlicher Genehmigung.

"Zum Bericht in der Mainpost „Harter Kurs gegen die Steigerwaldbahn“, erschienen am 24.11.2018 im Lokalteil, bedarf es einiger weitergehenden Erläuterungen, damit die Leserinnen und Leser der Zeitung den gesamten Prozess und die Hintergründe der Entscheidungen verstehen können.

Die Befürworter einer Reaktivierung der Bahnstrecke Schweinfurt-Gerolzhofen-Kitzingen sehen diese Strecke als Teil eines zukünftigen Mobilitätsangebotes, zu dem neben der Bahn auch Buslinien, Ruftaxi und Radwege gehören. Und selbstverständlich auch das Auto und Wege, die wir zu Fuß gehen. Wir benötigen Verkehrswege um das wachsende Verkehrsbedürfnis der Menschen zu erfüllen. Während früher Wohnstätte und Arbeitsplatz, aber auch Einkaufsmöglichkeiten, Freizeitstätten und Ärzte nahe beieinander lagen, werden die Entfernungen heute immer größer.

Es ist kein Einzelfall, dass eine Familie in Gerolzhofen oder Michelau wohnt, der Arbeitsplatz eines Familienmitglieds aber in Frankfurt ist und ein weiteres Familienmitglied im Großraum Nürnberg arbeitet. Vielleicht gibt es noch ein Kind, das in München studiert. Die Lebenswelt hat sich gewandelt. Die Menschen sehen dabei auch, dass es in Städten mit guter Infrastruktur kein Auto braucht, um von A nach B zu kommen. Zunehmend erwarten vor allem junge Leute eine ähnlich gute Infrastruktur im ländlichen Raum, sonst werden sie die Heimat verlassen oder nach einer Ausbildung nicht mehr zurückkommen.

Wir müssen auch an die älteren Menschen denken, die aus gesundheitlichen Gründen kein Auto mehr fahren dürfen. Auch sie wollen eine gute, möglichst barrierefreie Anbindung an die städtischen Zentren, z.B. Würzburg, Nürnberg oder Frankfurt.

Es gibt also eine Vielzahl von guten Gründen sich für einen modernen, öffentlichen Nahverkehr einzusetzen. Wir wissen ja gar nicht, wie viele Menschen wegen der fehlenden guten Anbindungen sich nicht bei uns niedergelassen haben oder noch wegziehen werden. Der Prozess geht schleichend. Wir sehen nur, dass der ländliche Raum, und dazu gehört auch der Raum zwischen Schweinfurt und Kitzingen stagniert oder auch in den momentan recht guten wirtschaftlichen Zeiten nur wenig wächst.

Es hat somit gute Gründe, dass sich der Landkreis Schweinfurt seit einigen Jahren intensiv mit dem Thema Mobilität beschäftigt und an neuen Konzepten arbeitet. Ich darf selbst als Kreisrat im Mobilitätsbeirat des Landkreises mitwirken. Ziel ist die nachhaltige Sicherung von Mobilität im Landkreis Schweinfurt unter sich verändernden Rahmenbedingungen des demografischen Wandels und des technischen Fortschritts. Dabei berücksichtigt werden auch die kleineren Orte im Landkreis. Die Hauptachsen des Verkehrs, dazu gehört auch Schweinfurt – Gerolzhofen (möglichst auch über die Kreisgrenze hinweg in Richtung Kitzingen), sollen in dichter Taktung befahren werden. Auf der Strecke Schweinfurt – Gerolzhofen könnte dies sowohl durch Busse, wie auch durch Schienenverkehre erfolgen. Während das Defizit des Busverkehrs vom Landkreis zu tragen ist, wäre für Bestellung und Kostenübernahme bei der Bahn der Freistaat Bayern zuständig. Und Bayern bekennt sich zum Schienenverkehr. Im neuen Koalitionsvertrag der CSU- FW-Koalition heißt es: "Stillgelegte Eisenbahnstrecken wollen wir dort reaktivieren, wo es sinnvoll und möglich ist.“

Wo ist eine Reaktivierung sinnvoll und möglich? Genau dies wollen die Befürworter der Bahn durch die staatliche Bayerische Eisenbahngesellschaft prüfen lassen. Das wäre der nächste Schritt. Warum warten die Gemeinden nicht diese Prüfung ab und entscheiden anschließend auf Basis von Fakten? Immerhin erhebt auch der Landkreis Schweinfurt inzwischen Daten und vergleicht die Ergebnisse der vorliegenden Studie der Uni Würzburg (Institut für Geographie und Geologie) mit denen der vom Landkreis beauftragten Verkehrsplaner. Welche Erkenntnisse haben die Gemeinden, die eine schnelle Entscheidung gegen die Bahn erfordern, nachdem sich die Gemeinden seit der Stilllegung des Strecke für den Personenverkehr in der 80er Jahren kaum um die Strecke gekümmert haben? Diese entscheidungsrelevanten Erkenntnisse wurden nirgends öffentlich erörtert. Geht es um die Grundstücke, die die Gemeinde, möglichst kostengünstig gerne hätten? Die Bahnbefürworter sehen hier die übergeordneten Anliegen der Allgemeinheit und der Region höherwertig im Vergleich zu Einzelinteressen, egal ob einzelner Gemeinden oder privater Anlieger.

Ja, die Entscheidungen der Gemeinderäte fielen mit großer Mehrheit. Aber wurden die Gemeinderäte auch umfassend informiert? Lag jedem Gemeinderat die Potentialanalyse der Uni Würzburg vor? Der Förderverein Steigerwaldexpress hatte diese bereits 2017 an alle Gemeinde versandt. Nach unseren Informationen haben viele Gemeinderäte diese nicht vor den jeweiligen Entscheidungen erhalten. Somit wurden entscheidungsrelevante Informationen vorenthalten. Der Landkreis Schweinfurt plant für Ende Januar 2019 eine Veranstaltung, bei der weitere wichtige Informationen offengelegt werden. Auch diese Informationen können noch nicht in den Entscheidungsprozess eingeflossen sein. Die im Artikel vom 24. November genannte Begründung „Die Linie ist doch seit 20 Jahren bei uns schon geistig weg“ spricht für sich und muss nicht kommentiert werden. Entscheidungen, auch in der Kommunalpolitik, sollten auf Fakten beruhen.

Auch die weitere Begründung „die Bahnlinie bringt für uns nichts“ ist doch nur eine Meinungsäußerung. Die Anbindung an das europäische Bahnnetz brächte den Bewohnern von Grettstadt wohl etwas. Eine Bahnreise nach Wien oder London oder zum Frankfurter Flughafen kann bereits im Heimatort starten. Man braucht kein Taxi nach Schweinfurt oder Würzburg. Man kann sich eventuell ein Fahrzeug in der Familie ersparen. Die Jugendlichen können auch noch um 23 Uhr sicher von einer Veranstaltung oder Party in Schweinfurt oder Bamberg nach Hause zurück fahren. Vielleicht wird Grettstadt dann auch für eine Unternehmensansiedlung interessanter. Die Unternehmer erwarten – neben günstigen Gewerbegrundstücken und Nähe zu Kunden – auch eine gute Infrastruktur. Denn ohne diese können qualifizierte Mitarbeiter nicht gefunden werden. Und für manche zählt ein Bahnanschluss dazu.

Es wäre also Zeit für ein Moratorium: die Gemeinden warten die Ergebnisse der Landkreisrecherchen ab und sprechen sich auch für den nächsten Schritt, die Einholung einer neutralen Potentialanalyse der staatlichen Bayerischen Eisenbahngesellschaft aus. Übrigens kostenlos für Gemeinden und Landkreis. Danach sollte die Diskussion weitergeführt werden und die Gemeinden und die Landkreisgremien können auf Grundlage von Fakten entscheiden.

Vielleicht schaut man sich auch mal eine reaktivierte Bahnstrecke an. Zum Beispiel die Strecke Ulm-Senden-Weißenhorn. Der Abschnitt Senden-Weißenhorn wurde bereits 1966 für den Personenverkehr stillgelegt. Nach umfassender Modernisierung fahren hier seit Dezember 2013 wieder moderne Personenzüge. Die Züge verkehren zwischen 5 und 23 Uhr stündlich in beide Richtungen. Die ursprünglich berechneten Fahrgastzahlen wurden übertroffen. Das Angebot der Busse wurde auf die Bahn ausgerichtet und optimiert. Auch die Busunternehmen haben somit nichts verloren. Betreiber der Infrastruktur (Gleise, Haltestellen) sind die Stadtwerke Ulm, befahren wird die Strecke im Auftrag der Bayerischen Eisenbahngesellschaft durch eine Untergesellschaft der Deutschen Bahn. Im Landkreis Schweinfurt könnte dies auch die Erfurter Bahn werden, die ja bereits auf den Strecken Schweinfurt-Bad Neustadt und Schweinfurt-Bad Kissingen-Gemünden fährt.

Falls dann die Signale für die Reaktivierung auf „grün“ stehen, findet sich sicherlich auch bei uns ein Bahninvestor, der die notwendigen Investitionen (gut 20 Millionen Euro stehen hier im Raum) durchführt. Eine durchaus lohnende Investition, die sich innerhalb von 15 bis 20 Jahren amortisieren wird. Das zeigen die bisher reaktivierten Strecken. 20 Millionen, das ist viel Geld. Aber der Ausbau der B286 zwischen Schwebheim und Schweinfurt verschlingt auf nur 4,3 Kilometern 45 Millionen Euro. Pro Kilometer mehr als 10 Millionen Euro. Dagegen sind die gut 1 Million Euro pro Streckenkilometer der Bahn ein Schnäppchen. Und auch noch umweltfreundlich und ohne zusätzliche Flächenversiegelung.

Thomas Vizl Gerolzhofen Mitglied im Stadtrat Gerolzhofen und im Kreistag Schweinfurt

 

Fotos: Thomas Vizl





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